Keine Pommes ohne Fleisch. »Cesars Grill« von Darío Aguirre

Posted in leben on 30. Oktober 2013 by marronnier

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Immer seltenerer gibt es Filme, die etwas zu sagen haben. Der neue Film von Darío Aguirre »Cesars Grill« ist so einer. Dabei gibt es sich völlig unprätentiös.

Und stellt doch ein Kleinod der aktuellen Filmproduktion dar. Er zeigt eine Vater-Sohn-Beziehung in Nahaufnahme. Es geht aber um viel mehr: Familie, Heimat, die Mentalitäten zweier Kontinente und, wie wichtig das miteinander Reden ist.

Aguirre ist in Berlin zu Hause, hat dort studiert und arbeitet dort. Seiner Heimat Ecuador hat er längst den Rücken gekehrt, räumlich wie mental. Da erreicht ihn via Skype ein Hilferuf aus der Heimat. Das Grillrestaurant seines Vaters steht auf wackligen Beinen, Vegetarier Darío soll dabei helfen, es wieder in die Gewinnzone zu bringen. Er reist in seine Heimat. Doch bald schon merkt er, wie sehr in der Mikro-Beziehung zwischen Vater und Sohn die Makro-Ebene präsent ist: Hier prallen zwei Welten aufeinander. Die Schulden des Vaters sind eher den sozialen Verpflichtungen gegenüber seiner Community geschuldet als seinem wirtschaftlich fragwürdigem Gebaren. Wirtschaftliches Denken steht zu diesem gelebten Gemeinschaftssinn in diametralem Gegensatz.

Der Erfolg der gemeinsamen Bemühungen von Vater und Sohn ist wacklig, zu unterschiedlich ist die Mentalität der beiden. Doch ein wichtiges Ergebnis hat die gemeinsame Arbeit an der Verbesserung von Angebot, Service und Organisation im Grillrestaurant: Die beiden Männer kommen sich näher. Nie Ausgesprochenes wird formuliert, verschüttete Gefühle kommen zu Tage, Orte der Vergangenheit erden aufgesucht. Während der Dreharbeiten stirbt Aguirres Mutter. Die Beziehung der Eltern war durch die wirtschaftliche Schieflage des Restaurants und die Unbelehrbarkeit des Vaters gefährdet. Der Tod überdeckt all diese Bemühungen, Trauer- und Aufbauarbeit gehen Hand in Hand, der Vater gibt sich Mühe. Doch für wen? Für sein Lokal? Für seine verstorbene Frau? Oder vielleicht doch für seinen Sohn?

Darío Aguirre ist ein mutiger Regisseur. Er gibt viel Persönliches von sich preis. Sein Film »Cesars Grill« ist ein stimmig und rücksichtsvoll inszenierter Dokumentarfilm, der die Familienmitglieder Aguirres in Nahaufnahme zeigt, ohne voyeuristisch zu sein. Es geht um viele Themen, die auch in fiktionalen Erzeugnissen eine Rolle spielen: eine interkulturelle Begegnung, das ewige Missverstehen von Vater und Sohn, die Liebe zur Mutter, die alles versteht und immer die richtigen, klaren Worte findet. Es ist aber auch ein Film der prägnanten Botschaften: »Nur Pommes« gibt es bei Daríos Vater nicht. Schließlich betreibt er ja ein Grillrestaurant. Und da muss einfach Fleisch dabei sein.

::: this is real POP :::

Posted in leben on 4. Dezember 2012 by marronnier

rude girl with curious hair

Posted in leben, pop with tags , , on 26. Juli 2012 by marronnier

rude girl with curious hair

kurz nach zwölf in perpignan

Posted in leben with tags , , , on 29. Juni 2012 by marronnier

kurz nach zwölf in perpignan

die zeit scheint still zu stehen am ende der welt

f x karl: starschnitt (2004) – revisited

Posted in literatur, pop with tags , , , on 16. Juli 2011 by marronnier

starschnitt

starschnitt


schon länger nichts gehört von f x karl. ob es ihm schon selbst so ergangen ist wie dem anti-helden seines 2004 bei blumenbar erschienen romans starschnitt, gregor strasser, genannt “greg strass”, und er längst in tokio abgetaucht ist?

vielleicht inspiriert der gott der literatur seine schreiberlinge ja dazu, ihr schicksal tranceartig aus ihrer eigenen literatur abzuleiten? schon an der abkürzung des namens seines protagonisten sieht man jedenfalls, dass f x mit literarischer erfindungsgabe nicht eben gesegnet ist. ja er hat sogar angst davor. gerade bei den namen. etwas befremdlich wirkt das schon, siehe zum beispiel die kurze szene mit nicki, deren namenswahl karl folgendermaßen kommentiert: “so heißt das model nun mal”. frage: vor wem rechtfertigt sich karl hier eigentlich? vor sich selbst? vor dem leser? – oder ist das wieder alles ganz anders, und f x lacht uns bloß aus.

f x karl vergibt eine chance nach der anderen in seiner yellow-press-kritik (an der auch eine gewisse faszination beteiligt sein könnte). seine ausufernden protokolle z. b. einer “dirty-harry”-schmidt talkshow-sequenz mögen ja noch angehen – immerhin deutet der autor so etwas wie einen kritischen kommentar in den dialogbegleitenden, narrativen einsprengseln an. letztlich nervtötend sind vor allem die ausufernden promi-kataloge in kaum bis überhaupt nicht überzeugenden settings. es reicht einfach nicht hinzuschreiben: “halb sechs uhr morgens in st. tropez.” da müsste schon noch etwas mehr fleisch ans gerüst, um wirklich irgendjemandem das wasser im mund zusammenlaufen zu lassen. brigitte bardot hätte vielleicht das zeitkolorit, nun ja, ähem gestört. aber selbst das hätte einen nicht mehr rausbringen können: der 2004 erschienene roman schildert so in etwa die glitzerwelt auf dem stand von ca. 1999. hat beim lesen zwar irritiert, ist aber eigentlich nicht weiter schlimm – strukturell hat sich in der glamourwelt nicht einmal durch 9-11 viel geändert.

was will dieser roman eigentlich mitteilen, mal ganz abgesehen von der tatsache, dass es sich bei diesem text nicht einmal um einen roman handelt, allenfalls eine erzählung, wobei auch letztere gattung zumindest eine andeutung von handlung voraussetzt?

ich bin mir alles andere als schlüssig. das ende des textes verschränkt sich mit seinem anfang. das leben im siebten himmel der reichen und schönen als ewiger kreislauf also? verfehlt dessen nerv vielleicht gar nicht so verheerend, erinnert etwas an ickes sturz und wiederaustieg in “berlin calling”. oder gumbos sturz ohne wiederaufstieg in joachim bessings “wir maschine” (der übrigens auch so merkwürdig antiquiert wirkt, selbst wenn man sich in dessen abfassungszeit versetzt). also was jetzt?

f x’ fernöstlichem spirit der kreisbewegung könnte auch der schauplatz des übergangs, die popkapitale tokio, sekundieren. dennoch löst sich karl nicht aus seinem devot-schleimigen lustekel, mit dem er auf einer relativ oberflächlichen bewusstseinswelle durch die neongelbe welt der bunten blätter und des sensationsfernsehens surft. immer wieder verfällt karl in einen beinahe rätselhaft unoriginellen nachschreibegestus, so z. b. in der szene im atomic café, wo er deren geistigen vater, rainald goetz, sogar noch namentlich benennt. man könnte annehmen, wenn einem greg strass gelungen wäre, den goetzschen duktus in die gattung lifestylemagazin-text zu überführen, dürfte ihm dafür ein ehrenplatz auf dem friedhof der unwichtigen hochglanzprodukte sicher sein: in karlscher nachschreibe liest sich das einfach banal, inklusive sprachlicher schoten wie “halbentblößte haut”. aua, aua. also was jetzt dann?

wenn es karl um gesellschaftskritik gegangen sein sollte, dann liegt er leider auch völlig daneben. dazu hätte er sich für ein brauchbares gegenideal entscheiden müssen, wie das z. b. david safier in “mieses karma” getan hat; zugegebenermaßen fällt dies bei safier recht konservativ, um nicht zu sagen: reaktionär aus. aber hier hat sich wenigstens einer entschieden. eine lehre bietet karls “starschnitt” (wo liegt eigentlich abgesehen vom wortspiel der tiefere sinn dieses titels?) aber doch: ein leben im speckgürtel des starrummels lässt dich zwangsläufig zum arsch mutieren: und das ist “alternativlos” (a. merkel). punkt.

kurz noch was positives: äußerst gelungen ist die gestaltung dieses buches aus dem (münchener, i presume) hause blumenbar. das titeldesign auf dem cover mit beidseitigem anschnitt und dem im a applizierten sternchen in schlichtem schwarz-weiß ist ein volltreffer. die wahl von papier und serifen-schrifttype ist souverän und wäre in der lage, intelligenten lesegenuss optimal zu unterstützen.

GROOVE-story #127/3 | map.ache: staten island aquarium

Posted in leben, pop with tags , , on 23. März 2011 by marronnier

eine traube kinder stand gerade noch vor der dickglasigen scheibe des aquariums. das wasser leuchtete türkisfarben. bunte fische cruisten unentschieden, verwirrt geradezu, hinter der scheibe auf und ab. auf dem schwarzen fliesenboden hatten sich hellblaue lichtblasen gebildet. die fliesen schienen sich an diesen stellen zu verflüssigen, kleine, sprudelnde wassertöpfe vor meinen füßen.

die kinder sausten bereits wieder in richtung der lichtgefluteten eingangstüre. ihre begeisterung brach sich hallend bahn in dem unterirdischen schacht. und kreischend fuhr der pulk zu tage. danach wieder: glucksende stille.

ich hingegen schwelgte noch in dem warmen farbenmeer, verspürte ein beruhigendes, harmonisches gefühl, wie es mir aus der farbsauna vertraut war. ich erinnerte mich an den unnatürlich hohen, komplett grün durchstrahlten raum des lichtplantschbeckens. für einen kurzen moment war ich auf gedankenreise. dann weckte mich das plätschern und ein schwelend modriger geruch.

die fische beäugten mich, unbeteiligt glotzend, ausdauernd. dann überquerte auch ich den acheron ins grelle licht, zwinkerte mit den augen.

charles torbett: the berlin vendetta (1984)

Posted in film, literatur with tags , , , on 14. Dezember 2010 by marronnier

berlin – brennpunktstadt im kalten krieg. torbett zoomt in den wedding: elisabeth von welte bekommt besuch von zwei herren. hornbrillen, graue anzüge, aktenkoffer mit zahlenschloss, leicht sächsischer akzent. ihre botschaft ist eindeutig: in 24 stunden soll elisabeth einen mikrofilm aus dem tresor ihres vaters entwenden und den beiden übergeben. hermann von welte, elisabeths vater, ist gesandtschaftsrat bei der ständigen vertretung der bundesrepublik deutschland in berlin ost. im tresor seiner privatwohnung im berliner westen lagern jede menge streng geheimer unterlagen. der einsatz der agenten: das leben von elisabeths italienischer freundin angélica di giorda, ebenfalls diplomatentochter und bereits vor längerer zeit einmal die beste freundin elisabeths gewesen. die bilder, die die stasi-agenten elisabeth zeigen, sind eindeutig. angélica wurde entführt und gefoltert. die drohung: liefert elisabeth den film nicht innerhalb von 24 stunden, ist angélica tot.

elisabeth setzt alles daran, den film zu bekommen, doch es gelingt ihr nicht. ihr vater taucht auf einmal hinter ihr auf, als sie mit zitternder hand den code in das schloss des wandtresors tippt. hermann von welte schaltet die polizei ein, die beiden spione werden verhaftet. das schicksal angélicas ist ungewiss. es gibt kein lebenszeichen von ihr. elisabeth ist am boden zerstört. zusätzlich fühlt sie sich verfolgt. südländisch aussehende männer beobachten sie, tief hinter großformatigen zeitungsseiten versteckt. ihr telefon knackt verdächtig. in ihrer wohnung werden in ihrer abwesenheit gegenstände verstellt. die bremsen ihres autos versagen, beinahe kommt sie ums leben. mit ihrem vater kann sie nicht mehr reden. er schweigt verbittert.

da erhält sie eines tages einen brief. sie erkennt die handschrift. es ist die von angélica. sie bittet elisabeth um ein treffen. in zwei tagen soll sie in venedig sein. und sie soll den mikrofilm mitbringen. elisabeth setzt sich in den zug. sie lernt einen mysteriösen mann kennen. eine kette von zufällen führt die beiden immer wieder zusammen. wer ist der fremde? sind die ständigen begegnungen wirklich zufall? schon sitzt elisabeth im vaporetto und sucht den palazzo venier dei leoni auf, wo sie sich mit angelica treffen wird. und es fällt ihr wie schuppen von den augen. die vendetta beginnt.

charles torbett hat einen kühl kalkulierten agententhriller hingelegt. mit der archaischen dramatik eines puzo verbindet er traditionelle mafia-motive mit einer typischen kalter-kriegs-atmosphäre. im verlauf des buches dreht sich die spirale der gewalt immer schneller. am schluss schreibt sich torbett in einen wahren blutrausch, der an carlottos mafia-gemetzel erinnert.

das buch scheint kaum jemand gelesen zu haben, ich selbst habe es in einem ramschkarton im antiquariat meines freundes entdeckt, aus irgendeinem nachlass eines amerikanischen offiziers, der in unserem kleinen städtchen stationiert war und verstarb. über den autor weiß man nicht viel mehr, als was auf dem vergriffenen papierumschlag steht: “charles torbett lives as an adminstrative officer in austin, texas. few people have seen him in real life. he hides from the public.” eine deutsche übersetzung scheint auch niemand gewagt zu haben. zumindest kenne ich keine. – vielleicht mache ich mich mal drüber. es könnte sich lohnen.

charles torbett: the berlin vendetta (xenos books no. 120610, new york, 1984, 640 p.)

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