purist

purist

vor der großen glasscheibe zogen nebelschwaden über den gehsteig. die luftbewegung brachte das mattglänzende, orangefarbene licht der straßenlaternen zum flackern. abgesehen von einem schräg zwischen zwei anderen autos geparkten, schwarzen alfa giulia – er schätzte baujahr 1979 – gab es auf der straße nichts besonderes zu sehen. aus an einem geheimen ort angebrachten boxen – er hatte sich in der vergangenheit immer wieder danach umgesehen, aber nie eine zu gesicht bekommen – lief ein entspannter, melancholischer villalobos-remix.

marronnier hatte das pärchen schon eine ganze weile beobachtet. sie saßen hinter der riesigen frontscheibe der kleinen cocktailbar, in der er nach den proben der theatergruppe, der er sich vor kurzem angeschlossen hatte – einem irren chaotenhaufen -, meist noch einen whiskey sour schlürfte. die wenigen nighthawks, die noch da waren, hatten sich über die tische verteilt, er selbst saß am äußersten rand der breiten theke. es war zwei uhr morgens, mitten in einer menschenleeren, schummerigen, südbayerischen provinzstadt.

der barkeeper polierte die gläser auf hochglanz. er stand immer noch wie aus dem ei gepellt hinter der theke und ging, ein nach außen unbeteiligter automat, seiner tätigkeit nach. marronnier hatte schon einiges über ihn gelesen. er war bei den meistern seines fachs in die lehre gegangen, hatte in new york, london und zürich gemixt und rezepte gesammelt. das ergebnis war eine üppig bestückte cocktail-karte. wie beiläufig lag sie vor marronnier auf der theke neben einem schwarzen kompagnon.

bis gerade eben hatte marronnier wie wild seine ideen für die impro-performance hineingekritzelt, an der er gerade mit den theaterleuten arbeitete, hatte den schnellen, eleganten bewegungen des mixologen alle ehre gemacht. bei dem stück sollte es um das ausgeliefertsein an die vier elemente gehen, um die rückkehr der menschheit zu einem zustand unbefleckter reinheit. am ende wollten sie sich alle nackt in einem holzzuber von allem irdischen reinwaschen, um anschließend von der manson-bande in einem blutig-bunten pop-finale sich hinschlachten zu lassen. irgendwie fand er den schluss übertrieben. seine gedanken kreisten um irgendein schwarzes loch in seinen hirnwindungen. was war das überhaupt für eine idee, die idee des unverfälschten? kam ihm eigentlich eher faschistisch vor. pop war besser. definitiv. er klappte den kompagnon zu.

der mann und die frau lehnten lässig in den holzstühlen. beide waren schwarz gekleidet. er hatte seine lederjacke über die rückenlehne gehängt und stützte seinen linken fuß auf den niedrigen sockel, der den raum ringsum einfasste. die frau hatte ihren kopf in die linke handfläche gelegt, ihr angewinkelter arm war hinter den üppig herunterfallenden, tiefschwarzen haaren nicht auszumachen. mit der freien hand tippte sie etwas in ihr handy.

vor den beiden standen zwei grün schillernde mekong sling, ein cocktail, der für marronnier ein elixier asiens war, in dem er die unergründlichen strudel des mekong erkannte, wenn er mit seinem strohhalm darin rührte. seine besondere note bewirkte das zusammenspiel von gurke und zitronenmelisse. marronnier verzog sein gesicht von dem sauren whiskey, den er auf einmal lustlos in sich hineinschlürfte.

seit ungefähr einer halben stunde saßen die beiden nun da. sprachen wenig, knutschten zwischendrin mal und nippten an den cocktails. das alles sicher nicht besonders erwähnenswert, wäre da nicht eine ganz besondere attitüde zu spüren gewesen, eine mischung aus leicht angestrengt wirkender, fast schon baaderesker überheblichkeit und einem zeitweise krampfartig auftretenden fall aus der gefrosteten lässigkeitsstarre, verbunden mit einem exaltierten, vulkanartigen gefühlsausbruch. die beiden machten das vollständig synchron, als wäre es eine einstudierte theaterszene. ein wechselspiel, das nach einer unbewusste dramaturgie ablief. auf ihn wirkte das roboterartig.

die musik hinterlegte sein beobachten: „because you move … the way you move … i got to keep on moving with you.“ die frau wippte kaum merklich im takt.

schon der eingangsauftritt hätte tarantino imponiert. der alfa war ihm bereits vorher aufgefallen, als er von seinem theaterschuppen richtung purist gelaufen war. er liebte diese alten alfas, seit jürgen vogel in „sexy sadie“ so einen gefahren hatte. ihm war gleich aufgefallen, dass das auto noch ein altes autokennzeichen hatte: MOD, schon allein das war irgendwie unique. nachdem die beiden wohl eine weile im sinkflug durch die stadt geschwebt waren – so stellte er sich vor -, hatten sie sich für die klassische eleganz seines nachtrefugiums entschieden. die winzige parklücke hatten sie kurzerhand schräg besetzt. das licht der scheinwerfer war für einen kleinen moment durch die nebelschwaden und die glasfront gebrochen.

im selben moment waren die beiden schwarzen gestalten auch schon aus dem auto, auf dem gehsteig, an ihrem tischchen. das war alles so blitzschnell gegangen, dass es ihm vorgekommen war, als hätte die matrix die beiden hierher projiziert.

er konnte sich nicht sattsehen. sein parker wippte über das papier: „when you’re near me … lose me … keep turning me … keep turning me … back to the start.“

das schauspiel dauerte nicht sehr lange. gerade lief ein remix von ellen alliens funkenflug, da vibrierte das handy der schwarzen frau. sie riss es ans ohr. der ledermann, offenbar das signal richtig deutend, hatte sich schon seine jacke geschnappt, das geld auf den tisch gezählt. beide sprangen auf, verließen grußlos die bar und verschwanden genauso unwirklich wie sie gekommen waren. mit quietschenden reifen parkte der alfa rückwärts aus.

das letzte, was er von den beiden sah: die roten rücklichter, die sich noch eine weile im nächtlichen nebel hielten, dann aber endgültig wie zwei verglimmende fünkchen im kessel der alten stadt verschwanden.

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