wunschloses unglück

die unverständlichkeit des daseins. siri hustvedts „was ich liebte“ (2003) lässt dem leser wenig hoffnung und beschreibt ein umfassendes scheitern.

dieser roman wird mich noch lange beschäftigen. – selten, dass mich ein buch so traurig macht. siri hustvedt hat es geschafft. ich bekomme einfach leo hertzberg nicht mehr aus dem kopf. er tut mir leid, dieser kunstprofessor, der sich im laufe seines lebens immer mehr von seinen lebensidealen trennen muss und am ende … gescheitert wirkt.

dabei geht alles recht hoffnungsfroh los. die beschreibung der ersten begegnung leos mit dem maler william wechsler hat eine homoerotische komponente. die schilderung des augenkontakts, die fluidale verbindung der beiden, die sprechende geste – die signifikante berührung des unterarms. all das ist sehr symbolisch und von der fragilen, feinnervigen entzifferungstätigkeit eines sensiblen autoren-ichs aufzulisten und zu deuten . – das einzige, das an hustvedts roman etwas aufdringlich ist: die gewolltheit, fast schon überkonstruiertheit, die den raum für die psychologische deutung des geschehens bereitet.

erica, hertzbergs frau, und er, scheinen so gut zu harmonieren. erotische irritationen mit dem befreundeten künstler-/psychotherapeutenpaar bill und violet wechsler finden höchst theoretisch statt. doch da schlägt das schicksal zu: leos und ericas sohn matt stirbt bei einem bootsunfall auf einer jugendfreizeit. und auf einmal ist alles anders, ein völliger paradigmenwechsel. die beziehung der beiden steht auf dem spiel. erica zieht weg. und leo nähert sich bill, violet und vor allem deren sohn mark an. dessen vater bill sieht sich seinem sohn immer mehr entfremdet. leo rutscht immer stärker in eine ersatzvaterrolle hinein. doch mark entgleitet seinem mentor, fühlt sich von giles, einer charismatisch-rätselhaften künstlerfigur – eine art meese-manson-mischung -, heftig angezogen und in eine affäre auf leben und tod verstrickt. für leo ist er kaum mehr erreichbar. so taumelt der gefühlte vater leo in einem emotionalen schwebezustand zwischen abstoßung und anziehung. dabei sind die wünsche von marks und leos generation gar nicht weit voneinander entfernt. nicht von ungefähr erinnert leo der text eines techno-flyers (ein manifest!) an die flower-power-zeit.

doch hustvedt lässt ihren protagonisten und den leser zappeln. ein langes atemanhalten hält diese spannung in der zweiten romanhälfte. ist auch mark ein mörder, oder ist das alles nur kunst?

eine wichtige rolle spielen die unterschiedlichen kunstauffassungen leos und marks bzw. nicht nur deren künstlerische ziele und ideale, auch die verschiedenen einstellungen zur kunst scheinen unvereinbar. in giles‘ und marks szene erschöpft sich kunst in platten effekten und splattergrusel, in der diametral entgegengesetzten, eher traditionellen auffassung leos geht es um gehalt und aussage. leo steht vor einem abgrund. mark scheint ihm verloren.

der roman behandelt eine ganze menge existentieller themen: leben und kunst, jugend und altern, wissenschaft und wahrheit.

vor allem geht es aber um nicht umgesetzte, oder eher gar nicht wahrnehmbare chancen. keiner einzigen von hustvedts figuren ist auch nur annähernd dauerhaftes glück vergönnt. am intensivsten unglücklich ist protagonist leo hertzberg. der sohn bei einem unfall verstorben, die frau, geliebt, doch unnahbar, die geliebte unerreichbar, gespickt mit unzähligen beobachtungen und deren gelehrter kommentierung. wie wenig glücklich kann einen doch erkenntnis machen. dabei referiert hustvedts (transsexuelles) alter ego eine fülle von beobachtungen. an sich selbst, an anderen. doch es fehlt der schritt zum verständnis, zur auflösung der quälenden fragen. resigniert – zumindest verstummt – lässt sich der erblindende hertzberg am schluss von einem helfer vorlesen. der an der deutung des lebens gescheiterte hermeneut der kunst lässt sich die von ihm nicht mehr entzifferbaren zeichen deuten.

dieser roman wird mich noch lange beschäftigen.

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