f x karl: starschnitt (2004) – revisited

starschnitt

starschnitt


schon länger nichts gehört von f x karl. ob es ihm schon selbst so ergangen ist wie dem anti-helden seines 2004 bei blumenbar erschienen romans starschnitt, gregor strasser, genannt „greg strass“, und er längst in tokio abgetaucht ist?

vielleicht inspiriert der gott der literatur seine schreiberlinge ja dazu, ihr schicksal tranceartig aus ihrer eigenen literatur abzuleiten? schon an der abkürzung des namens seines protagonisten sieht man jedenfalls, dass f x mit literarischer erfindungsgabe nicht eben gesegnet ist. ja er hat sogar angst davor. gerade bei den namen. etwas befremdlich wirkt das schon, siehe zum beispiel die kurze szene mit nicki, deren namenswahl karl folgendermaßen kommentiert: „so heißt das model nun mal“. frage: vor wem rechtfertigt sich karl hier eigentlich? vor sich selbst? vor dem leser? – oder ist das wieder alles ganz anders, und f x lacht uns bloß aus.

f x karl vergibt eine chance nach der anderen in seiner yellow-press-kritik (an der auch eine gewisse faszination beteiligt sein könnte). seine ausufernden protokolle z. b. einer „dirty-harry“-schmidt talkshow-sequenz mögen ja noch angehen – immerhin deutet der autor so etwas wie einen kritischen kommentar in den dialogbegleitenden, narrativen einsprengseln an. letztlich nervtötend sind vor allem die ausufernden promi-kataloge in kaum bis überhaupt nicht überzeugenden settings. es reicht einfach nicht hinzuschreiben: „halb sechs uhr morgens in st. tropez.“ da müsste schon noch etwas mehr fleisch ans gerüst, um wirklich irgendjemandem das wasser im mund zusammenlaufen zu lassen. brigitte bardot hätte vielleicht das zeitkolorit, nun ja, ähem gestört. aber selbst das hätte einen nicht mehr rausbringen können: der 2004 erschienene roman schildert so in etwa die glitzerwelt auf dem stand von ca. 1999. hat beim lesen zwar irritiert, ist aber eigentlich nicht weiter schlimm – strukturell hat sich in der glamourwelt nicht einmal durch 9-11 viel geändert.

was will dieser roman eigentlich mitteilen, mal ganz abgesehen von der tatsache, dass es sich bei diesem text nicht einmal um einen roman handelt, allenfalls eine erzählung, wobei auch letztere gattung zumindest eine andeutung von handlung voraussetzt?

ich bin mir alles andere als schlüssig. das ende des textes verschränkt sich mit seinem anfang. das leben im siebten himmel der reichen und schönen als ewiger kreislauf also? verfehlt dessen nerv vielleicht gar nicht so verheerend, erinnert etwas an ickes sturz und wiederaustieg in „berlin calling“. oder gumbos sturz ohne wiederaufstieg in joachim bessings „wir maschine“ (der übrigens auch so merkwürdig antiquiert wirkt, selbst wenn man sich in dessen abfassungszeit versetzt). also was jetzt?

f x‘ fernöstlichem spirit der kreisbewegung könnte auch der schauplatz des übergangs, die popkapitale tokio, sekundieren. dennoch löst sich karl nicht aus seinem devot-schleimigen lustekel, mit dem er auf einer relativ oberflächlichen bewusstseinswelle durch die neongelbe welt der bunten blätter und des sensationsfernsehens surft. immer wieder verfällt karl in einen beinahe rätselhaft unoriginellen nachschreibegestus, so z. b. in der szene im atomic café, wo er deren geistigen vater, rainald goetz, sogar noch namentlich benennt. man könnte annehmen, wenn einem greg strass gelungen wäre, den goetzschen duktus in die gattung lifestylemagazin-text zu überführen, dürfte ihm dafür ein ehrenplatz auf dem friedhof der unwichtigen hochglanzprodukte sicher sein: in karlscher nachschreibe liest sich das einfach banal, inklusive sprachlicher schoten wie „halbentblößte haut“. aua, aua. also was jetzt dann?

wenn es karl um gesellschaftskritik gegangen sein sollte, dann liegt er leider auch völlig daneben. dazu hätte er sich für ein brauchbares gegenideal entscheiden müssen, wie das z. b. david safier in „mieses karma“ getan hat; zugegebenermaßen fällt dies bei safier recht konservativ, um nicht zu sagen: reaktionär aus. aber hier hat sich wenigstens einer entschieden. eine lehre bietet karls „starschnitt“ (wo liegt eigentlich abgesehen vom wortspiel der tiefere sinn dieses titels?) aber doch: ein leben im speckgürtel des starrummels lässt dich zwangsläufig zum arsch mutieren: und das ist „alternativlos“ (a. merkel). punkt.

kurz noch was positives: äußerst gelungen ist die gestaltung dieses buches aus dem (münchener, i presume) hause blumenbar. das titeldesign auf dem cover mit beidseitigem anschnitt und dem im a applizierten sternchen in schlichtem schwarz-weiß ist ein volltreffer. die wahl von papier und serifen-schrifttype ist souverän und wäre in der lage, intelligenten lesegenuss optimal zu unterstützen.

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